Salto Afternoon

on touching
Die große Frage des Miteinander
Die Ausstellung „On touching“ der Bozner Künstlerin Mirijam Heiler behandelt ein großes Thema: Berührung.
 Ein Interview über Empathie, soziale Kategorien und Wendepunkte.
Von Lucia Baumgartner 13.04.2022

Bei deiner Ausstellung im Kunstforum Unterland geht es um das Thema Berührung. Was hat es damit auf sich? Sollen deine Werke die Betrachterin/den Betrachter berühren, Nähe schaffen?
Was für eine Freude, liebe Lucia.
In unserer pandemischen Gegenwart hat sich das alltägliche Berührungsverhalten erheblich verändert. Mit „on touching“ gehe ich von der Notwendigkeit aus, unsere Berührungspunkte zur Umwelt und Natur zu überdenken. Insofern steht besonders die artenübergreifenden Berührung im Fokus. Flora und Mechanik, Mensch und Natur. Im Gegensatz zur nüchterner Beobachtung steht die Berührung entschieden für die Nähe eines wechselseitigen Kontakts ein. Wenn wir etwas berühren, dann werden wir zugleich berührt. Das Wort Befindlichkeit ist in dieser Hinsicht schön, denn es sagt wörtlich, dass ich mich nur finden kann, wenn ich tatsächlich spüre, dass ich mit der Welt in Berührung komme.Insofern ist es natürlich ein hohes Ziel, den Betrachter*in durch die Arbeiten zu berühren.
Wie kommt es überhaupt zu diesem Thema? Welche Entstehungsgeschichte steckt dahinter?
Wir müssen die große Frage des Miteinanders neu thematisieren. Die Art und Weise, wie wir Menschen heute miteinander und mit anderen Geschöpfen zusammenleben, hat sich als ökologische und ethische Sackgasse erwiesen. Begreifen wir die Gegenwart als eine Zeit der Krise, so kann diese als möglicher Wendepunkt ein großes Potential entfalten. Diese Wendung kann spekulative Utopien ermöglichen, Formen des Zusammenlebens, des Miteinanders und der Empathie in einem lokalen und globalen Kontext können neu verhandelt werden. Ich denke, wir müssen den Menschen nicht mehr im Zentrum des Seins als Lenker seiner Umwelt, sondern als Teil der Umwelt ohne Sonderstatus, als integriert in organische aber auch technische Geflechte verstehen. Nur so können wir der Naturentfremdung des Menschen entgegensteuern. Donna Haraways schlägt vor, dass wir lernen artenübergreifend füreinander Sorge zu tragen. Haraway transformierte dabei den Begriff der biologischen Verwandtschaft: Ihrer Meinung nach sollten wir uns jenseits eingeübter Formen wie der biologischen Familie verwandt machen um die Kategorien, in denen wir füreinander verantwortlich sind, neu zu denken und zu erweitern.
Die Frage der Ausstellung ist, wie wir uns durch Berührung miteinander verbinden können? Kann die Berührung artenübergreifendes Verstehen ermöglichen? Können wir durch Berührungen eine Praxis des Lernens entwickeln, die es uns ermöglicht, in einer dichten Gegenwart und miteinander gut zu leben und zu sterben? Was bekommen die BesucherInnen der Ausstellung zu sehen? Bilder, Skulpturen, Fotografien?
„On touching“ ist ein Gedankenstrang in Form eines immersiven Gesamtkunstwerkes. Knöcherne Gerüste, die mit Pflanzen über einen 3D-Scan gekreuzt werden, synthetische Landschaften, die von der Eroberung des Körpers durch die Pflanzen erzählen, und Roboterfühler, welche die Berührung des Menschen suchen.
Welche Techniken verwendest du für die Realisierung deiner Werke?
Ich habe Malerei studiert, versuche aber immer mehr mit anderen Disziplinen zusammenzuarbeiten. Insofern gibt es eine Vielzahl an Techniken in der Ausstellung. Ein Beispiel: Um das Sensilium der Berührung weiter erfassen zu können, habe ich gemeinsam mit dem Elektrotechniker Thomas Mair ein Fühlerpaar konstruiert, welches sich auf den/die Betrachter*in zubewegt, wenn er in dessen unmittelbaren Nähe kommt und sich einzieht, wenn sich der Betrachter*in von ihm entfernt. Andere Arbeiten sind 3D gedruckt, mit Öl auf Leinwand gemalt oder als JPG auf Monitoren zu sehen.
Welche war (oder ist) die größte Herausforderung für dich, in Bezug auf die Ausstellung? Hattest du immer genug Ideen, einen ganzen „Ausstellungsraum“ zu füllen?
Ja, es ist genau andersrum. Die Schwierigkeit ist es, Ideen zu begrenzen und sie zu selektieren.
Verfolgst du Ziele mit deinen Werken? Sollen sie Menschen aufwecken, wachrütteln, auf etwas aufmerksam machen?
Ich glaube dass Künstler*innen eine gewisse soziale und politische Verantwortung haben. Sie befinde sich an der Schnittstelle zwischen Weltzugewandtheit und Weltflucht. Einerseits versuchen Künstler*innen genau zu beobachten was sich in der Gegenwart abspielt, andererseits eröffnet die Kunst Fluchtmöglichkeiten aus eben dieser Welt. Ich versuche einfach an der Diskussion zu partizipieren.
Gibt es ein „Grundkonzept“ nach denen du deine Werke realisierst? Zieht sich ein Thema durch oder probierst du immer wieder etwas Neues aus?
Ich denke, dass sich eine gewisse „Handschrift“ immer erkennen lässt, aber ja momentan versuche ich diese zu verändern und inhaltlichen Aspekten den Vorzug gegenüber formalen Fragestellungen zu geben.
Betrachtet man deine vorangegangenen Bilder stößt man immer wieder auf Linien – Trennlinien? Sollen diese jetzt in der Ausstellung „on touching“ aufgelöst werden?
Das stimmt, du sprichst die Serie „Rasterbilder“ an. Die Serie gleicht einer Suche, eine Formel zu finden, die die Welt lückenlos in den Griff bekommt. Und zugleich ist es das Begehren der Linie auszubrechen, die Struktur aufzulösen, als Störung, als Riss oder offene Form. Sich sozusagen den Boden unter den eigenen Fü.en zu entziehen. Diesen Rissen möchte ich in der Ausstellung mehr Platz bieten. „On touching“ ist für mich auch eine Art Experiment mit offenem Ausgang.

Infobox:
„On touching“ –
Mirijam Heiler
*1991 in Brixen
2011 - 2016 Studium der Malerei an der staatlichen Kunstakademie Karlsruhe
lebt und arbeitet in Bozen
09.04. – 23.04.2022
Dienstag bis Samstag
10.00 – 12.00 Uhr + 16.00 – 18.00 Uhr
(Kunstforum Unterland - Galerie der Bezirksgemeinschaft Überetsch Unterland - Lauben 26 –
Neumarkt)
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